Durchmelken

Ziegen können mehrere Jahre hindurch gemolken werden auch ohne neue Trächtigkeit. Das schont ihre Gesundheit, denn Hochträchtigkeit und die ersten Laktationswochen zehren außerordentlich.

Die Jahresmilchleistung ist dann nicht weniger als die einer Ziege, die gelammt hat. Diese bringt zwar in den ersten Wochen grössere Mengen, hat aber zuvor 1-2 Monate trocken gestanden. Im Winter ist der Milchpreis höher und für manche kann es wichtig sein, die Käseproduktion aufrecht zu erhalten.

Kraftfutter kann gespart werden, weil die durchgemolkene Ziege keine Leistungsspitzen erreicht, die nur durch Kraftfutter kompensiert werden können. Ebenso fällt die Hochträchtigkeit weg, bei der wegen begrenztem Futteraufnahmevermögen ebenfalls Kraftfutter nötig ist.

Jedes Jahr muss eine Flut von Lämmern korrekt versorgt werden. Wenig später werden sie in Massen getötet und ihr Fleisch unter Preis losgeschlagen. Das kann einen auch nicht kalt lassen.

Dr. Ferdinand Ringhofer vom LFZ Raumberg-Gumpenstein hat in einem Tagungsbeitrag die Literatur dazu ausgewertet. Daraus speist sich diese Zusammenfassung.

Unklar bleibt dem Autor, welche Ziegen sich nicht dazu eignen, denn solche soll es geben. Das sagen auch Praktikerinnen, die Durchmelken ausprobieren: plötzlich stellt sich diese Ziege selbst trocken und die Brunst ist auch vorbei…

In Australien bewährt sich Durchmelken (Extended lactation) in grossen Ställen genauso wie bei Selbstversorgern mit nur zwei Ziegen: Man lässt die Ziegen abwechselnd für Nachwuchs sorgen und hat gleichzeitig immer Milch.
Doch nicht alle Ziegen(-rassen) sind dazu in der Lage. Die British Alpine (schwarz-weiß wie Poitevine, nur kurzhaarig) und Anglo-Nubier waren berühmt für ihre ausdehnbare Laktation – vor 100 Jahren.
Kitze, die nach einer Pause geboren werden, erscheinen kräftiger
So geschont sind die Ziegen über 10-11 Jahre produktiv.

In den USA wird ein Preis ausgeschrieben!
Karen Bailey bekam für die Leistung ihrer Nubier zweimal den INBA Extended Lactation Award , die sie seit 1997 mit Pausen durchmelkt. Hier eigige ihrer Ergebnisse:
1.500 kg in    540 Tagen
1.800 kg in 1.160 Tagen
2.000 kg in   945 Tagen
1.656 kg in   867 Tagen
1.433 kg in   859 Tagen
1.577 kg in   602 Tagen
Wie sie das macht, beschreibt sie auf ihrer Website:
http://www.freewebs.com/calmgentledairygoatfarm/

 

Persönliche Erfahrung mit Poitevines
Cristina Perincioli: Im Winter benötige ich weniger Milch und reduziere diese, indem ich nur jeden zweiten Tag melke und nur etwas Weizenkleie, Möhren und Heu füttere. Sobald ich mehr Milch benötige, liefern sie mehr, wenn ich Quetschgerste hinzu gebe.

Wird nur jeden zweiten Tag gemolken, besteht das Risiko, dass die Milch im Strich infiziert und „schlecht“ wurde. Deshalb  dehne ich das Vormelken aus und mache auch jedesmal den Schalmtest – übrigens durchweg mit gutem Ergebnis.

 

Füttern

Da man regelmässig und mehrfach täglich mit Füttern beschäftigt ist, kann eine bauliche Veränderung, mit der die Arbeit vereinfacht wird, auf die Dauer sehr viel Zeit sparen.

 

heu_loecher
Heuballen werden entlang der Futterschächte ausgerollt, das Heu in die Löcher verteilt.

 

heuschacht

Das Heu fällt direkt in die Raufen darunter. In 10 Minuten sind so die 160 Ziegen gefüttert.
Der Heuboden über den Ställen – das ist ein nützliches, altbekanntes Prinzip. Bleibt das Problem, wie das Heu dort hinauf kommt. Alte Bauernhäuser verfügen über eine aufwärtsführende Rampe. Diese Scheune hier ist an einen Steilhang gebaut: die ebenerdige Zufahrt zum Heuboden ist weiter oben am Hang.

 

Heukran

Ein Kran an zwei Schienen unterm First der alten Scheune ermöglicht einen schonenden Transport des losen Heus vom Ladewagen auf das Trocknergitter und später von dort zum Futtergang. „Früher bewegten wir das Heu in 15 KiloBallen, die man mit der Gabel verfüttern musste, sehr anstrengend! Inzwischen wird das Heu lose eingelagert und in der Scheune getrocknet.“ (GAEC du pic-bois)

 

heu_kran

Foto: Heukran mit Führerhaus und Greifer vom Scheunentor aus fotografiert. Man beachte die Qualität des Luzerneheus.

 

getreide_rohr
Die Rohre der Getreidesilos führen direkt in den Melkstand, Emmanuel Denton braucht nur den Hebel drehen!

 

Milchleitung

Eine wichtige Arbeitserleichterung war für GAEC du Pic-Bois der Bau einer Milchleitung vom Melkstand zur Käserei. Während Pedro Fournier die Milcheimer immer noch vom Stall in die Käserei schleppt. Dass sei sein tägliches Krafttraining, es ist offenbar erfolgreich!

 

bock+pedro
Foto: Pedro Fournier mit seinem LIeblingsbock

 

Föderband als Futtertisch

„Einen befahrbaren Futtertisch, wo man die Heuballen drauf stellen kann. Eine Förderanlage für das Getreide, wo man nur noch an einer Schnur zieht – wie bei Schweinen, oder ein Förderband mit Fanggittern rechts und links,“ das wünscht sich Hans-Peter Dill: „Wir überlegen, ob wir in einem Folienzelt ausserhalb des Stalls einen befahrbaren Futtertisch bauen, wo sie zum Fressen hinkommen.“ Jetzt wird noch von Hand gefüttert: er läuft in speziellen Schuhen über den Futtertisch und verteilt dort das Heu mit der Gabel und das Getreide mit Eimern. „Ab 300 Ziegen kann man sowieso nicht mehr so wirtschaften wie wir.“

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Melken

Das Melken vereinfachen: Durch Optimierung des Melkstandes oder durch Reduzieren auf einmal täglich Melken.

 

Melkstand optimieren

Drei Ziegen auf ein Melkgeschirr

Emmanuel Denton schwört auf diese Arbeitsersparnis: Die meiste Arbeit mache ja das Wechseln der Melkgruppen. Deshalb führt er immer gleich drei mal so viele Ziegen auf den Melkstand wie Melkanschlüsse vorhanden sind. Dagegen hält die Melkanlage seines Nachbarn nur so viele Futterplätze bereit wie Melkanschlüsse (links im Bild).

Monotraite – einmal am Tag Melken

Kühe nur einmal am Tag zu melken, kann sinnvoll sein, wenn das Futter knapp wird, zum Ende der Laktationszeit oder weil ein Mitarbeiter Ferien hat, schreibt Anita Breitenmoser in „zalp“. „Wirtschaftliche Analysen haben gezeigt, dass sie Ende Jahr gleichviel erwirtschaftet haben wie ihre Kollegen mit dem traditionellen Melksystem. Fazit: Gleiches Geld bei durchschnittlich 20% weniger Arbeitsbelastung. Um die gleiche Milchmenge zu erzielen, werden jedoch mehr Kühe benötigt, da diese im Schnitt 30% an Leistung verlieren. Deswegen sind genug Stallplatz und tiefere Grundfutterkosten (grosse Weideflächen, kein Kraftfutter) Voraussetzung für einen wirtschaftlichen Erfolg.“ Entscheidend: Wird die Kuhmilch zu Käse verarbeitet, bleibt die Ausbeute praktisch gleich, da Fett- und Eiweissgehalt der Milch steigen und die Reduktion der Milchmengen von 30% ausgleichen. Nicht jede Kuh eigne sich: die eine Rasse reduziert die Milchleistung um bis zu 50%, eine andere nur um 5%. Leichtere Rassen scheinen sich eher zu eignen. Die Kuh sollte vor der Umstellung niedrige Zellzahlen aufweisen.

(Quelle: zalp – Zeitschrift der Älplerinnen und Älpler 20/2009 S.19) monotraite_euter240

Die französiche Ziegenversuchsanstalt Pradel (Ardèche) testete die „Monotraite“ mit ihren Hochleistungsziegen der Rasse Alpin: ab der Mitte der Laktation (17.Juli) wurde eine Hälfte der 120 Ziegen zweimal und die andere Hälfte nur einmal täglich gemolken. Ausgehen von einer Jahresproduktion von 1.100 Liter mit 35,4 Milchfett und 32,8 Proteingehalt verringerte sich die Milchmenge um 15%, wobei der Fettgehalt gleich blieb, der Proteingehalt aber um 2,7 Punkte anstieg.
Die Käseausbeute bleibt in beiden Gruppen gleich.

Die Tests in Pradel zeigten aber auch, dass es sich nicht empfiehlt, Erstgebärende von Beginn an nur einmal täglich zu melken: deren Milchleistung bleibt fortan 30-40% unter Normal. Anscheinend entwickelt sich das Euter weniger – entsprechend dem geringeren Abfluss. Aus demselben Grund wies die Milch von 40% dieser Erstgebärenden eine Zellzahl von über 500.000/ml auf, während dies nur bei 10% der anderen Gruppe passierte, die zweimal gemolken wurden. Auch vergrösserten sich ihre Ganglien. Aber es kam zu keiner klinischen Euterentzündung.

Allgemein wird die Monotraite empfohlen für Zeiten grosser Arbeitsbelastung: Man könne ohne Folgen einzelne Melkzeiten auslassen oder auch wochenlang nur einmal täglich melken, danach erreiche man in jedem Fall wieder dieselbe Milchmenge wie vor der Zeit der Monotraite.

Welche Zeitersparnis ergibt sich? Wird nur einmal am Tag gemolken, spart man nur 1/4 der Dauer von zwei Melkzeiten. Eingespart werden aber auch die zweite Reinigung der Maschine, die zweite Fütterung und die Milchkühlung über Nacht. (Quelle: La Chèvre – Réussir 2006, Article ref. 17380)
Für weitere Recherche: Monotraite wird manchmal auch mit ODM (one daily milking) abgekürzt.

Bei Monotraite muss man allerdings sicher sein, dass die Euter auch gesund sind. Welche Euter-Krankheiten es gibt und wie man Milchproben nimmt, kann man hier nachlesen:www.gesunde-geiss.de

Hygiene spart Arbeit

Lücken in der Hygiene verursachen sehr viel zusätzliche Arbeit! Wenn sich der Käselaib schwammig anfühlt und viele kleine Löcher von unpassender Gasproduktion zeugen, zeugt das von einer Colibakterien-Infektion. Dann ist nicht nur die Arbeit vertan, nun müssen alle Käsereigeräte tiefgründig gesäubert und die verseuchte Produktion korrekt entsorgt werden… Einfallstore für Bakterien zeigt die Tabelle nach Henneberg:

Keimzahlen bei und nach dem Melken einer Kuh

Unmittelbar nach Verlassen des Euters: 0 – 3.200
Erste Melkstrahlen:                                     16.000
Letzte Melkstrahlen:                                    360
Bei einer schmutzigen Kuh:                     17.000
Bei einer gereinigten Kuh:                         9.400
Melken mit gereinigten Händen:               1.500
Melken mit nicht gereinigten Händen:    6.700
Die Zellzahl soll bei Ziegenmilch jeweils ungefähr doppelt so hoch sein, wie bei Kuhmilch.

 

Hygiene-Regeln

• Bei schmutzigen Eutern ist neue Einstreu dringend angesagt! Statt Euter zu waschen, säubert man sie mit einem Euterpapier, welches jeweils nur einmal verwendet wird. Würden die Euter aller Ziegen mit demselben Lappen gereinigt, könnten sich so auch Euterinfektionen verbreiten.

• Die ersten Spritzer in den Vormelkbecher.

• Werden langhaarige Ziegen von Hand gemolken, ist es ratsam die langen Haare rund ums Euter zu stutzen oder täglich auszubürsten; Staub aus dem Fell rieselt sonst direkt in den Melkeimer.

• Melken grosse Hände kleine Euter, kann es passieren, dass der Milchstrahl die Hand berührt und von dieser abtropft.

• Der Melkeimer darf nicht aus Kunststoff sein. Dessen Oberfläche ist nicht fest und glatt genug, in feinen Kratzern können sich Keime festsetzen und vermehren.

• Damit die Milch keinen Stallgeruch annimmt oder sich Keime aus der Stallluft darin absetzen, muss die Milch nach dem Melken sofort aus dem Stall entfernt und möglichst zweimal gefiltert werden.

• Sofortige Kühlung bremst die Vermehrung der Keime in der Milch: Nach 24 Stunden auf 4°C gekühlt verdreifacht sich die Keimzahl, bei 10°C sind es sechs Mal mehr und bei 18°C sind es gleich hundert Mal mehr Keime. Hat man keinen professionellen Milchtank, kann man die Kühlung im Kühlschrank beschleunigen, indem man Kühl-Akkus in die Milch legt und eine Spur Milchsäurebakterien dazu gibt.

• Manche Profis (in Frankreich) geben der Abendmilch Molke zu, so dass die Milchsäurebakterien über Nacht die Schadbakterien in Schach halten. Die so vorgebrütete Milch wird dann mit der Morgenmilch zusammen verkäst. Molke birgt das Risiko, die Keime des Vortags weiter zu schleppen. Sicherer ist ein Ansetzen mit gefriergetrockneten Kulturen.

 

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Mittel gegen Schmerzen beim Melken

Auf Ziegenalpen müssen pro Person manchmal 20-50 Ziegen zweimal täglich gemolken werden und das oft im Freien nur mit einem umgebundenen Melkschemel.

 

Schmerz-Prävention

• Elastische Binden während des Melkens um das Handgelenk binden. Sie stützen die Handgelenke und geben Gegendruck auf die Sehnen.

• Vor und während des Melkens ein warmes Handbad mit Durchblutungsfördernden Essenzen. Mit einer Bürste das Handgelenk herzwärts massieren als Lymphdrainage.

• Schmerzende Gelenke mit Wallwurzsalbe (= Beinwell, Schwarzwurz, Comfrey, Beinwurz, Bienenkraut, Hasenlaub, Milchwurz, Schadheilwurzel, Schmalwurz, Wundallheil) einreiben und verbinden.

• Vor dem Einschlafen Hände und Handgelenke mit Wachholdergeist massieren. Tut und riecht gut.

• Nachts die Handgelenke in einer Handschiene fixieren, was die bestmögliche Durchblutung gewährleistet, die Hand schläft viel weniger ein. Das Tragen ist gewöhnungsbedürftig, jedoch bei den beginnenden Schmerzen unbedingt angesagt.

(aus zalp – Zeitung für Älplerinnen und Älpler Nr.11 – 2000).

 

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Das Sitzen auf diesem Einzelmelkstand (in Los Alamos gesehen) könnte ziemlich „auf den Rücken“ gehen.

Kooperieren

Kooperieren kann man mit Aussenstehenden oder mit anderen Ziegenmilchproduzenten oder zu mehreren Personen auf einem Hof:

Eine Kooperative

GAEC du Pic-Bois: Die Milch von 70 Ziegen wird in Käse transformiert und ernährt zwei Leute, zwei weitere Personen backen Brot und bauen Weizen an. So ist der Hof autark und betreibt einen Laden für Bio-Brot und verschiedene exzellente Ziegenkäse. Alle können sich untereinander ablösen, so dass für jeden mehrere Wochen Ferien möglich sind, sowie freie Wochenenden. Und es bleibt Zeit, sich um die Erhaltung alter Getreidesorten zu kümmern und sich gegen Gen-Saaten zu organisieren.

„Zusammen zu arbeiten ist schwierig, aber unabdingbar. Man muss sich absprechen, diskutieren. Aber dafür hat man auch Ferien, freie Wochenenden. Und es ist schön, sich austauschen zu können, interessant. Alleine arbeiten möchte ich nicht mehr. Jeder ist verantwortlich für seinen Bereich, aber jeder kann den anderen auch ersetzen.“


Kooperieren mit Aussenstehenden

In GAEC Les Divols wird der Mist vom Winzer genutzt, der auch selbst ausmistet. Dafür besorgt er ihnen das Stroh.

Für Denton mistet ein anderer Bauer mit Tieflader aus.

H.P. Dill: Wir kooperieren mit einem belgischen Koch, der macht aus unserem Fleisch Pasteten, die ich auf dem Markt mit verkaufe. Produktvielfalt ist wichtig, aber man kann nicht alles selbst machen.


Genossenschaften

Hans Ramseier: Unsere Genossenschaft hat einen gemeinsamen Milchtank, den wir jeden 2.Tag beliefern. Der Reihe nach ist jeder dran, diese Milch zur Käserei zu fahren. Als Vergütung dafür behalten wir pro Liter Milch 10 Cent ein. Mit dem Überschuss können wir uns im Winter einen besseren Milchpreis auszahlen, nämlich 1,20 und im Sommer 1,- CHF.

Peter Baumann schildert, wie er sich darum bemühte die Ziegenhalter in seiner Umgebung für eine gemeinsame Milchvermarktung zusammenzubringen: Zuerst liessen wir einen Käser kommen, der einmal die Woche unsere Milch verkäste. Das ging gut, bis einer schlechte Milch lieferte und der Käse sich blähte.

Dann haben wir den Ziegenmilchproduzentenverein mit zwölf Mitglieder gegründet (die Statuten übernahmen wir von jenen im Emmental) und einen Milchtank angeschafft, aus dem ein landesweit operierende Milchaufkäufer die Milch jeweils abholen konnte. Das klappte auch, nur hat der nicht bezahlt, am Schluss schuldete er uns 20.000 Franken. Also suchten wir erneut nach einer Lösung und fanden in der Meierei Meiringen einen Käser, der Ziegenkäse produzieren wollte. Das läuft nun schon sechs Jahre rund.

Solche Vereinigung gibt es bei uns in vielen Tälern, weil in den Bergen Vollerwerbsbetriebe nicht möglich sind, kooperieren die Kleinen. Damit man nicht mit seinen 20 Litern in der Gegen herumfahren muss. Unser Käser pflegte sich abfällig zu äussern über die Käseherstellung der Ziegenhalter. In einer Sitzung tischte ich ihm eines unserer Mutschli (Schnittkäselaib à 1kg) auf: So jetzt essen wir das zusammen, schneid an! Der Käser probierte und meinte „Ich verstands eifach nöd!“- er kommt aus Zürich – „Wir Profis bringen das nicht so hin – ihr Amateure aber schon.“


Foto: Besagtes Mutschli

Peter Baumann: Wir haben Vorteile, die er nicht hat: Unsere Milch wird innert 12 Stunden verarbeitet und nicht vorher im ganzen Land herumgefahren. Wenn wir käsen, dann wenden wir die Laibe zu Beginn alle Viertelstunden; die Molke läuft so viel besser aus und die Oberfläche wird schön glatt.


Alpgenossenschaften

Peter Baumann: Wir nutzen die Ziegen um die Waldsäume und die Verbuschung zurückzudrängen, sonst wird die Weidefläche immer kleiner. Dafür bekommen wir keine Extrasubventionen, es gehört zur alpwirtschaftlichen Pflege. Für jedes Tier, was auf die Alp gegeben wird, muss ein Tagewerk gemacht werden, für 5 Ziegen muss 8 Stunden hier oben gearbeitet werden: einen verschütteten Weg ausschaufeln, Steine zusammen räumen. Dazu muss man ca. 220 Franken zahlen, um eine Ziege hier zu sömmern.


Foto: Alp oberhalb Grindelwald

Kathrin Bähler: Wenn im Sommer die ganze Herde auf die Alp zieht, ist das eine entscheidende Entlastung: In der Regeln sind sie 100 Tage dort oben.
Alpgenossenschaften haben unzählige unterschiedliche Abrechnungsarten: Uns kostet das pro Ziege 70 Franken. Für die Herstellung des Schnittkäses aus ihrer Milch zahlen wir 8,- Franken pro Kilo. Den verkaufe ich dann auf dem Markt für 28,- Franken. Der Gewinn ist gering, aber wir sind die Ziegen den Sommer über los, können die Wiesen heuen, brauchen nicht zu käsen.


Betriebszweckgemeinschaft


Eine Betriebszweckgemeinschaft haben Bählers mit dem Nachbar, dessen Rinder sie füttern. Die fressen die Weiden richtig sauber runter, was Ziegen ja nie machen. Heinz Bähler: Ich frage mich, wie das andere machen, die nur Ziegen halten!


Pierre Schluneggers Milchkontingent verpachtete er dem Nachbarn, der 50 Milchkühe und 50 Schafe hält, deren Milch zum Teil von ihm mit verkäst wird. Die Rinder des Nachbarn zieht er mit auf und verkaufte ihm auch Mais, ausserdem hatten die beiden mehrere Maschinen zusammen gekauft und alles miteinander verrechnet. Deshalb beschlossen sie nach 20 Jahren Kooperation eine Betriebsgemeinschaft zu gründen: Basierend auf dem Inventar beider Betriebe werden jetzt alle Einkünfte geteilt.



Foto: Gerald Brunner ist allein und hat zu viel Arbeit, während beim Nachbarbauer zwei Generationen nicht genug Arbeit haben. Also schlossen sie einen Vertrag über 10 Jahre Zusammenarbeit (der jetzt im achten Jahr besteht). Beide Betriebe bringen 30 Hektaren ein. Den Aussendienst erledigt der Nachbar: Getreidebau, Heu, Futterrüben.
Gerald Brunner selbst benötigt nur wenige Maschinen: Heugreifer, Hochdruckreiniger, Melkmaschine und einen kleinen Traktor mit Frontschaufel.
Die ganze Futtergewinnung ist zusammengelegt, alles Heu lagert in einem gemeinsamen Heustock mit Belüftung.

Gerald Brunner ist Mitglied im Verband der Ziegenprodukte Hersteller der Welschschweiz, die ARPC Ass. Romande des Producteurs Caprins, sie besuchen Betriebe in Frankreich, regelmässige Fortbildung und pflegen einen offenen und soldarischen Austausch untereinander.

Hilfskräfte

Hilfskräfte, die saisonal entlasten könnten: Osteuropäer, Reisende „WWOOFER“, „Ökis“ oder PraktikantInnen.

 

WWOOF

„world wide opportiunities on organic farms“ ist eine Organisation, die jugendlichen Reisenden Plätze bei Bio-Bauern vermittelt. Für die Mitarbeit gibts Kost und Logis in 23 Ländern. Allein in Frankreich bieten 40 Bio-Ziegenhöfe Plätze an.
Eine Kanadierin kommentiert: „Nicht nur die Reisenden lernen, manchmal lernt auch der Bauer von uns.“ Sie selbst ist auf einer kleinen Farm in Kanada aufgewachsen, liebt die Idee der Nachhaltigkeit, studiert Archäologie, und bereist Europa zusammen mit einer Freundin auf diese Art. wwoof.de

 

SaisonarbeiterInnen

Während 9 Monaten arbeitet diese Polin für Gerald Brunner. Sie macht Käse, Haushalt, Garten. Die Agentur Agroimpuls, die dem Schweizer Bauernverband angeschlossen ist, rekrutiert in den Oststaaten.

 

Gerald Brunner bezahlt sie so, dass sie jeden Monat noch 1.400 CHF übrig hat, netto, also nach Abzug von Kost und Logis, Steuern, Unfallversicherung, Krankenkasse und AHV (Rentenbeitrag). „Da frage ich: welcher Schweizer hat am Monatsende noch 1.400 Franken übrig? Die Schweizerinnen, die sich auf meine Anzeigen meldeten, die wollten morgens nicht vor 7 Uhr arbeiten und um 17 Uhr Feierabend haben und freie Wochenenden… Meine Mitarbeiterin aus Polen beginnt um 6 Uhr 30, mittags hat sie frei bis 15 Uhr, Arbeitsschluss um 18 Uhr 30, drei Wochenenden frei, das Vierte arbeitet sie.“

 

Sennin

 

Foto: Ursi Hollenstein lebt drei Monate auf der Alp oberhalb Grindelwald. Sie arbeitet als Sozialpädagogin in Zürich und geniesst die Alpzeit als Auszeit um draussen zu sein. Sie findet Ziegen „extrem lässig“. Etwas Erfahrung mit Ziegen bringt sie aus einem sozialpädagogischen Projekt auf Korsika mit, ansonsten wurde sie gerade eben angelernt und arbeite nun alleine.

Ursi Hollenstein: Die Arbeit beginnt um 5 Uhr und endet um 20 Uhr: 57 Ziegen melken, Milch kühlen, Reinigung, Frühstück. 8 Uhr Abmarsch auf die Alpwiesen. Dort fressen sie gleich, dann wandern wir höher und immer weiter. Insgesamt fressen sie 2 Std. mit Unterbrechungen. Das kann sehr gemütlich sein, ich lese, schaue ihnen zu.
Sind die Ziegen gestresst, warten sie nicht auf jene, die schlecht laufen können. Stress haben sie durch Hitze, Bremsen und… Touristen – dann gibt’s Cabaret: Sie lassen sich von ihnen streicheln, flattieren und laufen ihnen hinterher. Unbehütet kann man die Ziegen hier nicht lassen. Es gibt viel Stacheldraht, um die Rinderherden vorm Abstürzen zu bewahren.

Am Sonntag kommt ein Käser zum Käsen, solange wird die Milch eingefroren.

 

Freiwilliges Ökologisches Jahr

In ihrem freiwilligen ökologischen Jahr erledigte Julia selbständig: füttern, melken, hüten, Lämmer tränken, im Hofladen und auf dem Markt verkaufen.
Julia Pohlers: Fit muss man schon sein. Ich hatte eine gute Kondition zuvor und danach war sie noch besser!

 

– Was würdest du SchülerInnen raten, die sich so was überlegen?
Sie müssen sich zuerst den Hof und die Leute anschauen, und es auf jeden Fall 3-4 Tage ausprobieren, bevor sie sich entscheiden. Ich selbst hatte keine Ahnung von Landwirtschaft, da ist es schon gut, erst zu schnuppern.
Durch das ökologische Jahr habe ich gelernt, dass ich mit Tieren sehr gut kann, das wusste ich vorher nicht. Dadurch, dass ich die Arbeit allein bewältigen musste, ich das gemeistert habe, wurde ich selbstsicherer. Am schwierigsten war das Hüten – man muss sich auf der Heide (ein sowjetischer Truppenübungsplatz) zurecht finden. Merken die Ziegen, dass man unsicher ist, folgen sie einem nicht…

 

Erfahrungen mit „Ökis“

Sabine Denell: 2006 gab es noch 500 Bewerber auf die 40 Stellen bei unserem Träger, dem Landesjugendring in Potsdam. Wegen der schwachen Jahrgänge waren es 2009 noch Hundert. Jetzt gibt es auch mehr Lehrstellen und Studienplätze. Früher war das nicht ganz so freiwillig gewesen, da schickten die Eltern die Jugendlichen, damit sie ihnen nicht auf der Tasche liegen.

Uns kostet so eine Kraft ca. 100 Euro im Monat plus Kost und Logis. Sie hausen in unserem ausgebauten Bauwagen. Pro Monat arbeiten sie im Durchschnitt 15 Tage hier und die andere Zeit geht weg für Urlaub, Wochenende oder Fortbildung.

Schwierig ist, die jungen Leute dazu zu bringen, aufmerksam zu sein für die Tiere, für etwas ausserhalb von ihnen selbst, für die Vorgänge, das Material, das Verhalten in der Gruppe. Sie kennen es nur umgekehrt, dass andere ihnen gegenüber aufmerksam sind. Sie schmoren schon sehr im eigenen Saft. Und wenn man sie da rausholt, sind sie hinterher so dankbar!
Es ist wichtig, dass sie die Wirkung ihrer Arbeit beobachten lernen: wie geht es den Tieren? Dass sie ihr Tun beurteilen lernen an der Reaktion von etwas ausserhalb von ihnen. Nicht ich sage ihnen, ob sie es richtig gemacht haben, sondern sie sehen das an den Tieren, an den Dingen: Zerbricht ein Besen, war ich nicht aufmerksam! Ein Gefühl für die Tiere, für das Material zu bekommen.

Die einen lernen es schnell, die anderen brauchen dazu länger – speziell die Jungen. Die sind einfach viel mehr in sich eingesperrt. Mädchen bemühen sich viel mehr und lernen dadurch viel schneller, während die Jungen lieber Held sein wollen. Wir haben das sechs Jahre lang gemacht und während dem nicht allzuviel Feedback bekommen. Das kommt aber jetzt: „Das war der Wendepunkt in meinem Leben!“ „Da ist so viel angestossen worden in meinem Leben.“ Das ist die Situation hier, wo wir hier so aufeinander angewiesen sind, die bringt einfach viel in Bewegung.

Auf dem Hof geht es natürlich autoritär zu! Einfach, damit die Ziegen versorgt sind und nichts vergessen wird. Natur ist autoritär, wie das Wetter: das ist einfach da, so wie es ist: „Stell dich darauf ein!“ Da kann man nicht sagen „das wollen wir jetzt erst mal diskutieren!“

 

Sabine Denell: Manche ekelten sich vorm Melken, wurden dafür von den Ziegen getreten, und wenn eine Ziege kackt, dann sagen manche „ii!“ Geburt, Blut, Schleim! Dass man als Mensch dazu gehört, es bei einem auch nicht anders ist, das wird ihnen so nah und extrem gespiegelt – da sind sie plötzlich in einer ganz anderen Situation, als zu Hause vorm Fernseher.

 

Familie

Stallarbeit und Melken erledigt Peter Baumann alleine, beim Heuen unterstützt ihn aber die ganze Familie. Peter Baumann: Ich wäre nicht in Urlaub gefahren, wenn die Tochter mir nicht von sich aus angeboten hätte, die Arbeit zu übernehmen. Hätte ich aber Erwartungen an die Familie mir zu helfen, dann käme das nicht gut. Sie sollen nicht müssen.