Vollkostenrechnung

Das eigene Management überprüfen.

„Es ist viel schwerer die Molkerei dazu zubringen, mir mehr Cent pro Liter zu zahlen, als den eigenen Betrieb zu überprüfen und zu fragen, was kann ich positiv verändern!“ sagt Andreas Kern. Er ist Bioland-Berater und hat im Auftrag der Andechser Molkerei zehn Betriebe, die Ziegenmilch liefern, betriebswirtschaftlich untersucht.

Im Durchschnitt hatten die 10 untersuchten Betriebe 238 Ziegen und lieferten je 150.000 kg Milch pro Jahr. Alle Kosten erfasst, zeigten sich nun die Unterschiede: Die einen benötigen 140 Cent, um ein Kilo Milch zu liefern, andere schaffen dies mit 80 ct/kg. Die Molkerei zahlt ca. 70 ct/kg. Hinzu kommen Einnahmen aus Fleisch- und Tierverkauf und Direktzahlungen. Der durchschnittliche Betrieb aber erwirtschaftet ein Minus von 23 ct/kg Milch, man macht also mit jedem Liter Milch einen Verlust.

 

Warum Vollkostenrechnung?

Um das Ergebnis der Ziegenhöfe vergleichen zu können, reicht keine Gewinn-Verlust-Rechnung – eine Vollkostenrechnung ist nötig. Diese erfasst auch die Kosten für Kapital (welches man ja auch anders anlegen könnte) und für Pacht, (auch für eigene Flächen, die man ebenso an andere verpachten könnte) und die Arbeitskosten. Für die Arbeit setzte er 12,50 Euro als Stundenlohn (netto) ein. Stallgebäude aus eigenen Mitteln oder auf Kredit finanziert, werden als Kapital angenommen, welches mit 5% Zinsen zu Buche schlägt. Für die Flächen – ob eigene oder fremde – gelten die regionale Pachtpreise.

Andreas Kern: Nur zwei Betriebe wiesen einen realen Gewinn aus! Mit Produktionskosten von 80 Cent machen sie nach Abzug aller Vollkosten einen Unternehmerewinn von 8 ct/kg – bei 150.000 kg im Jahr ist das richtig Geld, da geht einem das Herz auf! Jetzt kann man fragen: „Was macht denn der anders? Wo ist der Unterschied? Welche Faktoren kann ich beeinflussen?“

Als Berater denkt man, man weiss alles – als ich auf diesen so erfolgreichen Betrieb kam, dachte ich noch „na ja, kein Idealziegen, katastrophale Euter, Lämmer sprangen rum, das Futter war auch nicht berühmt“, aber dieser Betrieb hat alles richtig gemacht! Man kann es nicht auf bestimmte Haltungsformen, Ziegenrassen, Kraftfutter oder Weidehaltung eingrenzen. Darauf scheint es nicht anzukommen. Wichtig ist aber, dass man selbst weiss, ob man unter dem Strich mit seiner Methode Verlust oder Gewinn macht.

 

Worauf es ankommt

Ich habe Milchleistung und Kraftfuttereinsatz gegenüber gestellt. Auch da zeigt sich keine Korrelation: Die Milchleistung hängt nicht mit dem Einsatz von Kraftfutter zusammen. Betriebe sind finanziell auch deshalb erfolgreich, weil sie mit vergleichsweise wenig Kraftfutter eine Michleistung von 800 kg/Jahr/Ziege erreichen. Mit derselben Kraftfuttermenge bekommt ein anderer nur 400 kg Jahresmilchleistung!Was stimmt hier nicht – die Genetik, die Haltung, die Gesundheit?

Ein entscheidender Faktor bildet auch die Tiergesundheit. Die erfolgreichen Betriebe sind in der Regel CAE-unverdächtig, machen Milchleistungsprüfung und Clostridienimpfung. Das Grundfutter ist das grosse Potential in der Milchziegenhaltung. Man muss ein Grundfutter schaffen mit mit 6MJ NEL / kg Trockenmasse. Deshalb investiert ein Betrieb 80.000 Euro in eine Heutrocknung. Silage ist nur dann eine Alternative, wenn man wirklich gute Qualität erreicht.

 

Die besseren Manager

Ich habe Bio-Betriebe in den Niederlanden besucht. Dort sah ich Bestände mit 1200 Ziegen – alle top-gesunde, gut gefütterte und gut betreute Tiere, die 950 Liter geben und dieselben Futtermittel fressen wie hier. Wenn wir so mit 1200 Ziegen arbeiten würden, wie jetzt mit den 200 (die hier üblich sind), dann wären die 1200 tot! Diese Betriebe in Holland basieren auf soviel Fremdkapital, die können sich ein Management wie bei uns gar nicht leisten. Die Niederländer sind ganz klar die besseren Manager. Daran müssen wir arbeiten, da ist noch viel Potential!

 

Durchmelken

Drei Betriebe melken 2-3 Jahre durch, ohne die Ziegen neu zu belegen. Der Vorteil dabei: die Ziegen sind gesünder und stabiler, die maximale Belastung in der Hochträchtigkeit fällt weg. Eine solche Ziege gesund zu erhalten, ist wesentlich einfacher. Es fallen weniger Kitze an, dafür habe ich ganzjährig Milch. Der Nachteil für die Arbeitskräfte: die Winterpause fällt weg. (siehe Durchmelken) Soweit der Vortrag von Andreas Kern.

 

Glückliche Kühe – glückliche Bäuerinnen/Bauern?

Die University of Wisconsin-Madison befragte im Zeitraum 1993-2003 alle Milchbauern in Wisconsin nach wirtschaftlichem Auskommen und Zufriedenheit. Dabei verglichen sie drei Produktionsweisen.
23% der Milchbauern praktizieren Umtriebsweide, sie beziehen ihr Futter ausschließlich von der Weide, die sie mindestens einmal wöchentlich wechseln.
21% weitere Milchbauern kombinieren Weidegang mit Vorratsfutter. Beide Wirtschaftsweisen haben fast gleichgroße Flächen ca. 100 ha mit etwa derselben Anzahl Kühe.
56% der Milch in Wisconsin wird aber von Farmen ohne Weide produziert. Sie benötigt mehr als doppelt so viele Kühe (um wirtschaftlich zu sein) sowie fremde Mitarbeiter.

Eine Jahresmilchleistung von 8.000 kg erzeugten die selber grasenden Kühe, Weidetiere mit Zufütterung etwas mehr, nämlich 8.255 kg und die ganz ohne Weidegang 9.400 kg. Den größten Gewinn pro Kuh aber brachten die selbst grasenden Kühe!

Schuldenfrei waren 27-28% der Milchbauern mit Weidegang, aber nur 20% der Bauern ohne Weidenutzung!
Das durchschnittliche Jahreseinkommen bewegte sich in allen drei Formen zwischen 35.000-49.000$. Dank Weidehaltung reichte die Hälfte der Kühe, um eine Familie zu ernähren.

Gefragt nach der Zufriedenheit gab es wenig Unterschiede zwischen den Vertretern der drei Produktionsweisen, allerdings antworteten mit „sehr unzufrieden“ deutlich mehr jene Farmer, die ohne Weideland arbeiten während „sehr zufrieden“ vermehrt jene ankreuzten, die ihre Kühe ausschließlich grasen lassen.

 

Überdimensionierte Investitionen

Speziell Melkanlagen liesse man sich leicht zu gross aufschwatzen, mahnt Emmanuel Denton. Die Raten dafür fressen den Gewinn auf!