Der Wolf kommt

…mancherorts ist er schon da!

Wir hatten mehrfach einen Wolf nahe an unserem Dorf gesichtet. Als ich bei der Wolfsschutzbeauftragten des Landes anrief, beruhigte sie mich: Die ihr bekannten Rudel seien im Militärgelände bei Jüterbog und bei Lehnin – freilich könne es vorkommen, dass ein einzelner die Gegend erkunde… Zu eben dieser Gegend liefert ein Jahr später die Märkische Allgemeine Zeitung (MAZ) diese
Karte der Wolfsereignisse südlich von Berlin.

Zwei Berichte dazu, wie solche Angriffe erfolgen:
MAZ vom 10.11.2016 und MAZ vom 24.11.2016

 

Wie die Herde schützen?

Wolfsschutzzaun
Esel
Herdenschutzhund

 

Das Wichtigste ist, sich rechtzeitig auf das Thema einzustellen. Während Naturschutzverbände und -behörden die Wolfsrudel noch 100 km weit entfernt verorten, ist der einzelne Wolf schon längst unter uns und auf der Suche nach Futter. Als Einzelgänger kann er nicht im Team jagen; ihm erscheinen unbewachte Nutztierherden besonders attraktiv.

Auch wenn wir für getötete Tiere vom Amt entschädigt werden sollen, so trifft uns der Anblick von unseren gerissenen, sterbenden Tieren, von ausgeweideten trächtigen Muttern im Innersten. Auch die Herde selbst ist traumatisiert, “nach einer Wolfsattacke nicht mehr zu gebrauchen”, wie ein Schäfer es ausdrückte.

Wolfsschutzzaun

Cristina Perincioli: Der Wolf ist durchaus nicht so scheu wie behauptet; er hat in Brandenburg schon Schafe hinterm Haus geholt. Meine Ziegen sind nachts im Stall, das Gelände um den Stall ist mit einem Knotengeflechtzaun von 1,70 cm Höhe gesichert. Damit der Wolf nicht unten durch schlüpfen kann, legt man das Knotengeflecht auch davor auf den Boden oder gräbt es ein; jedes einzelne Tor muss so gesichert werden, dass es nicht untergraben werden kann.

Auf der Weide kann man die Ziegen mit hochwertigen Elektronetze schützen, sogenannten Wolfsnetzen von je 50 m Länge. Damit das zuverlässig funktioniert, benötig man ein starkes Weidegerät, eine mehrfache Erdung und man muss regelmässig das Gras unter dem Zaun mähen.

Wolfschützer behaupten, dass die Kosten für Zaunbau oder Herdenschutzhunde und für gerissene Nutztiere vom Staat übernommen würden. Die Praxis zeigt, dass dies nur “nach Kassenlage” geschieht, ohne verbindlichen Rechtsanspruch. Bei Attacken müssen Geschädigte die Kadaver erst untersuchen lassen und nachweisen, dass ein Wolf und nicht etwa ein Hund die Tiere getötet hat.

Esel

Von Alters her pflegte man einer Schaf- oder Ziegenherde einige Esel beizustellen. Während die einen fleissig grasen und die Köpfe ins Gras senken, wacht der Esel und hört mit seinen Lauschern die Landschaft ab. Hunde, die nicht an der Leine geführt werden, greift er mit gesenktem Kopf an, teilt mit den Vorderhufen Schläge aus, kann kleinere Angreifer mit den Zähnen packen und zu Tode schütteln. Anders als Pferde, flüchtet der Esel nicht reflexartig.

Nina Pfister hat genau beobachtet, wie Esel und  Herdenschutzhunde bewachen; sie hat dies für ihre Maturaarbeit “Herdenschutzmassnahmen” protokolliert.

Die Website Herdenschutz Schweiz informiert auch über Esel als Herdenschutz:
“Esel eignen sich als Schutztiere, denn sie weisen Hunde und andere Raubtiere vehement ab. Esel sind soziale Tiere, die sich an andere Tiergattungen binden, wenn keine Artgenossen da sind. Es kann aber bis 6 Wochen dauern, um eine gute Bindung zwischen Schaf und Esel zu erreichen.

Die Verwendung von Schutzeseln in offenem, übersichtlichem Gelände in Herden bis zu 100 Schafen hat die besten Ergebnisse gezeigt.”

 

Aber im Tiefland könnten Esel eine günstige Alternative sein zum Herdenschutzhund (9.000 € Haltungskosten im Jahr kalkuliert der Schafzüchterverband).

Was ist zu beachten?
In den Die „Empfehlungen zur Haltung von Eseln“ nennt der Landesbeauftragten für den Tierschutz des Landes Niedersachsen einige Knackpunkte:

• Der Esel als Dauerfresser würde schnell zu fett und die Hufe krank, graste er mit der Herde auf einer ergiebigen Weide; was er braucht ist hartes, trockenes Gras, Diesteln, Laub und Brennesseln.

• Ein Esel braucht immer einen zweiten Esel oder Pferd als Gefährten. bleibt er allein, nimmt er sich ungegeignete Tiere als Spielgefährten – Schafe, Hunde – und kann sie dabei töten.

• Auf feuchtem Boden werden seine Hufe in kürzester Zeit von Strahlfäule befallen; deshalb sollte man sie täglich überprüfen, zumal er Hufkrankheit nicht durch lahmen sichtbar macht. Auch die lebenslang wachsenden Zähne sollten regelmässig kontrolliert und ggf. geraspelt werden.

• Wie die Ziegen auch, benötigt der Esel auf der Weide einen Unterstand.

Herdenschutzhund

In der Schweiz waren 2015 rund 200 Herdenschutzhunde auf Hundert Alpen im Einsatz, ungefähr die Hälfte davon ohne Hirt. Vor einer Anschaffung muss ein Sachkundekurs absolviert werden.

In den Abruzzen oder in Ungarn käme es einem Wanderer nie in den Sinn, mitten durch die Schafherde zu wandern oder mit seinem Bike zu fahren – in den Alpen schon. Deshalb versucht man mit Hinweistafeln die Touristen zu Rücksicht zu bewegen., manchmal muss der Weg ausgezäunt und der Schutzhund angebunden werden..!

Hier in Brandenburg begegne ich beim Hüten oft unangleinten Hunden von SpaziergängerInnen: Auch hier sind die Leute nicht auf einen Herdenschutzhund eingestellt; ein Hund (“der will nur spielen”) könnte so verletzt oder getötet werden. Wolfsschützer wischen unsere Klagen gerne beiseite mit dem Argument, wir sollten uns eben Herdenschutzhunde anschaffen. Sie lassen die damit verbundenen Gefahren ausser acht.

 

 

Das Märchen vom scheuen Wolf

In Wildgehegen, in denen Wildtiere keine Jagd erleben, sehen wir wie schnell diese die Scheu vor dem Menschen verfolgen: Im Wildgehege Glauer Tal kann man sich ihnen auf wenige Meter nähern! Nicht anders reagiert der Wolf. Viele Videos auf Youtube zeigen, wie Wölfe in Sichtweite von Menschen ungerührt ihren Weg vorsetzen. Ein Jäger beobachtete, wie ein Wolf parallel zu Spaziergängern lief, offenbar auf eine Gelegenheit lauernd deren Hund zu schnappen. Ein Forstwirt bei Görzke sah sich mit einem Wolf konfrontiert, der seinen Dackel fressen wollte. Ein anderer Forstarbeiter erzählt, wie ihm zwei Wölfe beim Auszeichnen zu fällender Bäume zuschauten.
Wolfsschützer glauben, dass die Menschen bloss ihre Angst vor dem Wolf verlieren sollten, dann würden sie ihn auch tolerieren. Deshalb werden im Kindergarten (so in Facebook gesehen), den Kleinen Wolfs-Geschichten vorgelesen, die diesen verniedlichen. Das könnte tragisch enden – “Grossmutter, warum hast du so lange Zähne?”

 

 

 

Ziege – Mensch

Emmanuel Denton: Nicht jeder kann Ziegen halten, man muss an ihr hängen, sich mit ihr verstehen. Die Ziege ist psychisch schwach, ein psychischer Stress kann sie umbringen. Man muss sie mögen, sonst funktioniert es nicht. Mit der Kuh geht das. Esel, Ziege, Hund, alle drei sind ganz anders mit dem Menschen verbunden als Kühe oder andere Haustiere.

Sabine Denell: Von einer Ziegengruppe geht sehr viel Macht aus, sie haben sehr viel Energie, die auch mit der menschlichen zu tun hat. Eine Praktikantin war hier plötzlich in Tränen aufgelöst: „Plötzlich war ich mittendrin, aufgenommen von denen!“ Das ist etwas mütterliches, dieses Aufgenommenwerden von der Herde, so bedingungslos, ohne dass was vorher passiert. Bei einer Kuhherde dagegen, bei Pferden oder Straußen, bleibt die Distanz“.
– So wie auch der Hund dem Menschen nah ist?
Nein. Der Hund beobachtet den Menschen und versucht zu tun, was dem gefällt. Das würde einer Ziege nie einfallen.

pedro_herde
Foto: Pedro Fournier in seiner Poitevine-Herde

Hans-Peter Dill: Bevor wir uns für den neuen Mitarbeiter entschieden, hütete ich mehrere Tage mit ihm die Herde. Er wurde in die Herde aufgenommen, das war für mich ausschlaggebend. Und er ist total glücklich mit den Ziegen, es geht ihm richtig gut dabei. Er sagt, er fühlt sich geborgen.
Das Erlebnis, in einer Tierherde geborgen zu sein, findet auf einer archaischen Ebene statt, dadurch kann es sehr viel beim Menschen auslösen.
In einer Kuhherde bin ich nie so geborgen, weil diese Tiere mehr für sich sind, so abgeschlossen, nie so offen für den Menschen.
Beim Hüten kann man das am klarsten erleben: wie die mit mir mitgehen, auf mich achten. Wenn ich einschlafe, kommen sie mich wecken, wenn sie weiter wollen, sie zählen mich also zur Herde.
Trotz aller Interaktion innerhalb der Herde, bildet sie doch ein Ganzes und ist nach aussen abgeschlossen. Und dann wirst du in diesen Organismus aufgenommen, in diese gleitenden Machtmechanismen mit hineingenommen und getragen! Es ist schwierig über diese Sachen zu reden, weil wir dafür keine Sprache haben.

 

Das »ewige Lamm«

In der Reportage von Gabriele Goettle sagt Hans-Peter Dill: »Wir haben ja heute morgen über die psychische Belastung gesprochen beim Schlachten. Und die zweite psychische Belastung ist für mich das Melken. Wenn ich eine Ziege mit der Hand melke, dann riecht sie an meiner Achselhöhle, nimmt den Geruch auf und entscheidet: Dieses Lamm ist in Ordnung!
Wenn ich ein sehr schwieriges Tier habe, dann muss ich bei der Geburt dabei sein, den Geburtsschleim hier auf meine Hand streichen und die Hand dann von dem Tier ablecken lassen. Dabei nimmt es den Geruch von mir auf, gemischt mit dem seines Lammes, und ich werde in diesem Moment als Lamm voll integriert. Von da an habe ich kein Problem mehr. Die Ziege ist mir als Mutter gewogen. Für immer!
Wenn ich aber nur mit meiner Melkautomatik dastehe, muss ich es anders machen. Ich muss die Verbindung zum Energiefeld der Mutter herstellen, innerlich. Ich als Lamm muss sagen, es ist o.k., dass ich deine Milch nehme. Ich weiß, dass Frauen damit anders umgehen, sie identifizieren sich quasi mit dem Muttertier. Ich kann nur das Lamm sein. Das baut den psychischen Stress ab. Bei mir vor allem.
Früher habe ich herumgerätselt. Warum ist das derart anstrengend, wie kommt es, daß ich nach dem Melken immer so erschöpft bin? Ich wußte nur, ich habe ein Pro­blem. Aber welches?
Ich habe mich gefragt, vielleicht hat es was mit Sexualität zu tun, vielleicht fährst du total auf die Euter ab, vielleicht muss das bearbeitet werden ? Dann kam ich aber dahinter, dass es nicht um die körperliche Ebene geht, sondern um die spirituelle. Um den Mutterkontakt. Seither spüre ich sogar eine gewisse Leichtigkeit dabei.«

 

»…da brauche ich keinen intellektuellen Diskurs«

Hans-Peter Dill: »Die körperliche Arbeit hebt einen davon weg, von diesem ständigen Denkenmüssen in irgendwelchen Diskursen. Ich glaube auch nicht, dass das alles stimmt, dass es wirklich einen intellektuellen Dis­kurs gibt, oder sonst was.

Also, diese Differenz zwischen Intellektualität und Blödheit, die kann ich nicht mehr so richtig einsehen. Für mich ist die Beschäftigung mit dem Euter intellektuell äußerst anspruchsvoll. Mit dem Euter als Symbol der Gebenden und meiner Hilfsbedürftigkeit. Das ist eine tägliche Herausforderung. Ich sehe das da ganz unmittelbar, dass ich darauf angewiesen bin, als Empfangender dazustehen, um diese Milch zu nehmen, die sie buchstäblich aus Holz, aus Gehölzen, machen können.
Das nagt ja auch am Selbstverständnis. Sich dem auszusetzen und nicht zu sagen: O.k., ich mache meine Arbeit, Disziplin muss sein. Pünktlich fang ich an und Schlufi, mehr ‘will ich darüber nicht wissen!

Es ist einfach so, dass ich, während ich arbeite, so viel Zeit habe, genau zu gucken, und zu spüren, was da ist. Dass die Ziegen uns eigentlich zeigen, was sie für Wesen sind, was wir für Wesen sind und wie das zusammenhängt. Ich bin ja direkt an der Quelle, ich muss den Umweg über die Abstraktion gar nicht gehen. Ich spür’s direkt, da brauche ich keinen intellektuellen Diskurs. Der ist eigentlich – das ist mit klar geworden – nur dafür da, den Mangel zu überspielen. Und dieser Mangel entsteht, weil man mit den wesentlichen Dingen nicht mehr in Berührung ist.« S. 208-211 aus Gabriele Goettle, Das ewige Lamm – aus dem Leben eines Ziegenhirten. In: Schicht! Arbeitsreportagen für die Endzeit, Frankfurt 2007

 

Wandern mit Ziegen

Capriolen

Spieltrieb

Vorsicht, hier werden Videos geladen!
Es braucht nicht viel, um den Spieltrieb in Gang zu setzen!

Ein Brett…

Ein Tisch…

Ein Brett mit Anhänger…

Mutti sticht der Hafer…

 

 

 

 

Artgerechte Haltung

Welche Haltung ist art-, also ziegengerecht?

Sicher ist, Ziegenhaltung hat sich in Europa seit dem letzten Weltkrieg vollkommen verändert.

Hüten

Das Thema “Hüten” würde eigentlich zum Kapitel “Arbeit erleichtern > Füttern” gehören; doch eine Arbeitserleichterung ist Hüten in der heutigen Landschaft meist nicht, sondern eher Luxus. Hüten fällt aber sicher unter die Rubrik “artgerechte Haltung”. In Alpbetrieben ist dies üblich – aber im deutschen Flachland? Ja! In Brandenburg gibt es gewaltige Flächen – verlassene Truppenübungsplätze der Sowjetarmee – die nun langsam verwalden. Sie können durch Ziegen offen gehalten werden.

Foto: Diese Heidelandschaft auf einem verlassenen Truppenübungsplatz pflegen die Ziegen von Hans Peter Dill.

Foto: Cristina Perincioli mit ihren Poitevine Ziegen

Cristina Perincioli: Der Sommer 2003 war so heiss, dass auf unseren Wiesen nichts mehr wuchs. Da empfahl mir der benachbarte Bauer, mit den Ziegen in das feuchtere Landschaftsschutzgebiet zu wandern. Dort schlugen sie sich die Pansen voll. Zuerst war es nicht einfach, sie auf den Weg zu bringen; sie ängstigten sich, das vertraute Gelände zu verlassen. Etwas später – im Herbst schliesslich – motivierten die Eicheln am Weg, jetzt liefen sie von selbst. Mein Vater kommentierte: Schon meine Uroma sei mit ihren Ziegen auf fremdes Land, habe allerdings zuvor die Glocken abgenommen!

Foto: Uroma Perincioli mit meinem Vater in der Hutte auf Futtersuche

Bis vor hundert Jahren waren Wegränder wohl das typische Weidegebiet der “Kuh der armen Frau”. Dass die Ziegen auf eigenen, immer gleichen Weiden grasen, ergab sich erst während des 20. Jahrhunderts. Entstand erst durch diese Reduktion auf immer dieselben, wenigen Weideflächen das Parasitenproblem?
Am Wegrand liegt die Apotheke der Ziege.

Foto: Beide Fotos enstammen dem Buch “The Mysterious Goat” von Dr. C. Naaktgeboren mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Das Buch ist ein Bildband von über 300 Seiten, eine einmalige kulturhistorische Sammlung zum Zusammenleben von Mensch und Ziege.

Ein Wort zur Anbindehaltung

Hans Ramseier: Ich weiss nicht, wer das ins Tierschutzgesetz hineingeschrieben hat, dass Ziegen nur noch in Freilaufställen leben sollen – wir können die Tierli schliesslich nicht fragen, was ihnen lieber ist!

Warum gehen die Ziegen, wenn sie von der Weide reinkommen brav an ihren Platz – sie wissen ja, dass sie dann angebunden werden! Also macht es ihnen nichts aus. Die Schwächeren sind froh, dass man die Dominierenden anbindet, dann haben alle ihre Ruhe. In Freilaufställen haben die Schwächeren ein schweres Leben. Wir haben es ausprobiert. In dem Freilaufstall hat immer eine Glocke gebimmelt, immer rumorte eine, immer ist eine die beisst oder stösst. Der Raum müsste riesig sein, damit alle ausreichend Abstand haben.

Ausserdem: Das An- und Abbinden garantiert, dass wir jede täglich zweimal berühren. So werden sie zutraulich und so kann ich auch auf der Weide jede greifen, sei es Zicklein oder Ziege. Sie lecken meine Arme, vertrauen mir.

In einem Freilaufstall kann man nur schauen, aber eine anfassen – nicht ohne Rennerei! Dort wandern sie vom Futtertisch automatisch auf die Weide, dann kommen sie automatisch auf den Melkstand, wo sie von hinten gemolken werden und gehen automatisch in den Stall zurück: Der Kontakt Mensch-Ziege geht dabei verloren!

Geh ich auf eine Schau mit ihnen, dann heisst es, „ist wohl wieder eine Ramseier-Geiss“, weil sie schmust und sich streicheln lässt!

Töten

Jedes Jahr verdreifacht sich die Herde, wenn jede Milchziege ihre zwei Zicklein bekommt. Fast alle Bocklämmer und ein guter Teil der weiblichen Zicklein müssen geschlachtet werden, damit die Herde nicht über die gegebenen Verhältnisse wächst. Viele französische Ziegenhalter geben ihre Zicklein schon nach einer Woche zum Mäster; die werden abgeholt und nach Italien gefahren: Aus den Augen – aus dem Sinn.

Es gibt aber auch die Möglichkeit, einen Teil der Ziegen nicht zu decken, sondern einfach weiter zu melken; so entstehen keine ungewollten Nachkommen und die Ziege wird geschont. Mehr dazu unter Durchmelken. Muss man sie schlachten, sollte man einen Schlachter suchen, der weiss, wo der Bolzenschuss bei Ziegen und Schafen anzusetzen ist, nämlich anders als bei Rindern. Sonst verfehlt er die richtige Stelle und das sterbende Tier zappelt noch lange.

dill_portrait

Hans-Peter Dill: Das ist für mich ein grosses Thema, das grösste in der Tierhaltung überhaupt: wie gehe ich mit dem Töten um? In unserer Kultur haben wir keine Rituale zum Töten, wirklich keine. Und das in einer Kultur, in der wir so viel Fleisch essen! Und dann kein Ritual dazu zu haben, diese Tiere zu begleiten, wenn sie sterben.

Damit ich den Unfrieden, den eine Tötung bringt, nicht mit mir nehme zum nächsten Tier, sondern dass ich immer wieder frei auf die Tiere zugehen kann. Wie kann ich mein Herz davon frei machen, so dass es nicht von diesem Tod belastet ist. Das interessiert mich. Wie kann ich damit leben, dass ich jedes Jahr 250 Tiere töten muss.

Ich habe jetzt einen Schlachter, dem ich gezeigt habe, wie er die Tiere beim Töten begleiten soll. Ich gehe von der Vorstellung aus, dass die Herde eine gemeinsame Seele hat und dass die einzelnen Tiere wie von einem Baum die Zweige dieser Seele sind. Es gilt also, die Seele an die Herde zurückzugeben, oder den Zweig dem Stamm. Damit die Herde, wenn ein Tier stirbt, nicht einen Verlust erleidet, sondern in sich gestärkt wird. Es ist wie bei den Bäumen: der Apfelbaum muss auch geschnitten werden, damit er wachsen kann und dabei stabil bleibt. In der Natur würde die Herde durch den Wolf oder anderes dezimiert. Wenn ich die Tiere halte, bin ich verantwortlich dafür, dass die Herde eine gesunde Grösse behält, so wie sie der Situation angemessen ist. Deshalb muss ich die Tiere töten, muss aber dafür sorgen, dass dabei nicht die Herde als Ganzes verletzt wird.

Jede Sache hat ihre zwei Seiten und diese ist die dunkle Wahrheit, aber es gibt auch eine helle Wahrheit, die beim Töten passiert. Nur, Tod und Licht in Zusammenhang zu bringen, das ist schon sehr schwierig. Aber erleben kann ich es. Konkret heisst das, dass ich eine meditative Praxis habe, durch die Kanäle nach oben freigemacht werden, dass es nach oben weggehen kann. Beim Sterben wird etwas frei und es kommt drauf an, dass es nicht bei mir hängen bleibt, sondern weiter geleitet wird nach oben. Dafür muss ich mich öffnen. Ich muss mich öffnen, dass es zu mir kommen kann und öffnen, dass es weiter gehen kann. Ganz gut beschrieben ist das in der Reportage über unseren Hof von Gabriele Göttle:

„Er stellt das vertrauensvolle Tier zwischen seine nackten Waden, hält es zart unterm Kinn, holt aus und lässt ohne zu zögern zielgenau die runde Seite des Hammers auf den kleinen Schädel niedersausen. Das Geräusch klingt dumpf, wie ein Schlag auf Holz. Eine Sekunde vielleicht steht das Tier starr, dann bricht es langsam in die Knie, seine Augen schließen sich, halb nur. Peter nimmt zart den bewusstlosen Leib, legt ihn rücklings auf den hölzernen Schlachtschragen, so dass Hals und Kopf herabhängen. Ein schneller Schnitt in beide Halsschlagadern, und leuchtend rot sprudelt das Blut aus den Wunden hervor; bald rinnt es nur noch, lauft an den Hörnchen herab tropfend in eine Plastikwanne.

Peter breitet die Arme aus, schließt die Augen und verharrt in dieser konzentrierten Haltung sicherlich 150 bis 200 Sekunden, wahrend das Lamm lautlos verblutet. Es zuckt nicht, es windet sich nicht, nur ein leises zitterndes Beben geht durch den Körper. Die Vorder- und Hinterbeine heben sich ein wenig empor, fast synchron, senken sich wieder hinab zur Brust, heben sich wiederum zögernd, bleiben lange in der Schwebe, um dann endgültig, sehr langsam, herabzusinken. Diese letzte Sterbebewegung ist am ausführlichsten. Nun hängt der Hals ohne Spannung herab, der zarte Mund ist ein wenig geöffnet. Über den Moment des Todes gibt es anscheinend keinerlei Zweifel. Peter macht eine abschließende umfassende Geste und öffnet die Augen.

Dann verwandelt er sich zügig vom Hirten und Melker in den Metzger. Er zieht eine weiße Gummischürze und Gummistiefel über und beginnt mit ruhigen sicheren Schnitten, das nunmehr Fleischgeworden aus dem flauschigen weißen Fell zu schälen. Löst Genital und Hoden heraus, verknotet die freigelegte Speiserohre – damit kein Mageninhalt auslauft – und hängt dann den Körper mit den Sehnen der Hinterbeine an einen Fleischerhaken. Nun zieht er, kraftvoll nach unten drückend, das Fell ab. Am Schwanz stülpt es sich um wie eine Socke. Zuletzt hängt es nur noch am Kopf und wird abgeschnitten. Auch der Kopf wird vom Körper getrennt, ebenso wie die Füße mit den glänzenden braunen Hufen. Wenig später liegt der Kopf mit offenen Augen neben seinen Füßen im eigenen Blut und ist Abfall für die Tierkörperbeseitigungsanstalt. Das Fell wird zur Seite gelegt, das bekommt eine Berliner Trommelwerkstatt.

Vorerst aber leckt die rot gescheckte Katze zaghaft daran, während Peter mit dem Ausweiden beginnt. Er öffnet mit seinem scharfen Messer die widerstrebende Beckenfuge, genannt das Schloss, wie er erklärt. Durchtrennt dann mit einem langen vorsichtigen Schnitt die Bauchdecke bis zum Brustbein, worauf sich die von glänzenden perlmuttfarbenen Häuten umhüllten komplexen Organe aus der Bauchhöhle heraus wölben.

Bald liegt der große Magen mit der verknoteten Speiserohre im Abfall, umkräuselt von unendlich langen, zierlichen Darmschlingen, die wie Volants gelegt, an einem zarten Netz befestigt sind. Als letztes werden Herz, Lunge, Leber und Nierchen als Büschel herausgehoben. Alles zusammen hängt an der Luftrohre. Ganz unten an der Leber sitzt die grünliche Gallenblase, die – das weiß jede Hausfrau – vorsichtig entfernt werden muss. Peter streift den Gallensaft aus dem Gallengang, entfernt dann die Blase und gibt sie zum Abfall, ebenso wie Pankreas und Milz. Die Lunge wird für die Hütehündin zur Seite gelegt. Nun wird die Luftrohre, an der auch noch Kehlkopf und Zunge hangen, ganz herausgeschnitten, und zusammen mit den edlen Innereien in einen großen Kühlschrank gehängt. Ebenso wie das Fleisch. Das Fleisch junger Tiere muss drei Tage abhängen, das alter Tiere mindestens eine Woche. Zur Fleischreifung, damit es zarter wird, erklärt Peter.“ S. 193,195

„Meine Frau als Veterinärin macht die Fleischkontrolle. Ich habe den Sachkunde-Lehrgang fürs Schlachten gemacht, da erhält man dann den vorgeschriebenen Befähigungsnachweis. Es gibt viele gesetzliche Bestimmungen, die man kennen muss, sogar für Schlachtmesser gibt es EU-Richtlinien. Das mit dem Schlachten kam eigentlich so: Mal gab es zu Ostern 20 Vorbestellungen.

Der Metzger kam mit einem Gehilfen, der hat das Tier gegriffen, die vier Beine zusammengebunden und es dann auf den Schragen gelegt. Als er es mit dem Hammer betäubte, sozusagen, da hatte es mindestens schon hundertmal laut geschrien und war in Panik. Also, das Tier erst fixieren und dann betäuben, das ist das Schlimmste, was man machen kann. Das war der Moment, wo ich gesagt habe: Nein, ich lass’ nicht mehr schlachten! Ich mach es selber.

Am Anfang ist man natürlich unsicher, es passieren auch mal Fehler, aber inzwischen, glaube ich, mache ich es ganz gut. Normalerweise treten sie ganz doll beim Sterben, schlagen aus. Wenn ich aber den Trost gebe, dann schlägt es nicht aus, dann stirbt es ganz ruhig. Ich mache diese Begleitung bei jedem Tier, während es stirbt, auch wenn ich mehrere hintereinander schlachte.

Das Schlachten ist für mich eine große psychische Belastung. Ohne eine therapeutische und spirituelle Begleitung könnte ich das gar nicht bewältigen! Eines Tages habe ich angefangen, dieses Energiefeld zwischen den Ziegen und mir zu spüren. Ich nehme es wahr, etwa hier«,er zeigt auf sein Sonnengeflecht, »und zwar besonders beim Sterben. Das Tier ist herausgerissen aus seiner Herde. Für mich kehrt es im Sterben in die Herde zurück. Dabei begleite ich es, dafür gebe ich ihm die Zeit, die es braucht. Ich fühle den Tod, merke genau den Moment, wenn es passiert. Und dann ist das auch abgeschlossen, und ich kann anfangen, meine Arbeit zu machen …“

Gabriele Goettle, Das ewige Lamm – aus dem Leben eines Ziegenhirten. In: Schicht! Arbeitsreportagen für die Endzeit, Frankfurt 2007 S. 200-201

Halterinnen und Halter dürfen eine Notschlachtung oder eine Hausschlachtung machen, dürfen dieses Fleisch aber nicht in den Verkehr bringen. Dabei muss das Blut aufgefangen werden, darf nicht im Boden versickern. Normalerweise aber muss das Schlachten in einem Schlachtraum stattfinden und der ist oft weit weg. Um den Zicklein den Stress eines Transports und der Trennung von der Herde zu ersparen, möchte man sie in der Nähe der Herde töten, also mit dem Bolzenschussgerät betäuben und ausbluten lassen. Von dort werden sie dann sofort in den Schachtraum gebracht. Der muss aber sehr nahe sein, weil die Eingeweide schnell blähen, was Probleme macht beim Öffnen.

Hierarchie

Die Hierarchie erhalten

Sabine Denell: Man muss genau beobachten und darauf achten, dass man der stärksten Ziege auch immer den besten Platz zuweist, sie bevorzugt behandelt, ihr Extras zukommen lässt. Also nicht die kleinen süssen Lämmer herzen! Wird sie nicht angemessen beachtet, wird die Alpha-Ziege ihre Stellung auf eine andere Art ausleben, z.B. wird sie die Herde nicht mehr mit dir zusammen führen, sondern ausbüxen, sie ist nicht mehr solidarisch mit dir.

rani_vierlinge
Foto: Die Mutter der Vierlinge entfernt sich verärgert.

Ja, die Zicklein sind süss, die Alte ist nicht mehr so interessant.
Heute wird das auch mit unseren Alten so gemacht: sie werden ignoriert, man beachtet mehr die Kinder, was die gerade wollen.

Hans-Peter Dill: Nimm eine Schulkasse: Wenn du es schaffst, die Anführer, die Stärksten, für dich zu gewinnen, dann hast du die ganze Klasse im Griff. Solidarisierst du dich aber mit denen am Rande, dann verlierst du den Kontakt zur Klasse vollständig! Das ist die Frage: wie gehe ich mit einer Gruppe um, die in sich eine Struktur hat. Akzeptiere ich diese Struktur, kann ich sie leiten.
Im Melkstand lasse ich die Führungsziege zuerst alleine hinein, mache die Tür hinter ihr zu, begleite sie zu ihrem Platz, mache sie fest, schiebe ihr Getreide zu, streichle sie – und dann ist gut. Sie wird ganz konsequent privilegiert! Wenn sie fertig ist, geht sie raus, schaut, wie die anderen Molke saufen. Dann vertreibt sie die, und ich komm raus und gebe ihr extra, und das säuft sie ganz alleine. Wie eine Königin!

– Wo hast du das gelernt?

Hans-Peter Dill: Wieso gelernt? Sie hat das eingefordert!
Du musst nur drauf achten, was die Tiere von dir wollen. Deine Führungsziege hat das auch von dir gefordert und hat die Kleinen weggeschupst. „Sei doch nicht eifersüchtig“ hast du dann wohl gesagt, statt „du bist meine Grösste, mein Beste!“ Dann unterstützt sie dich bei der Arbeit. Wie willst du sonst beim Hüten die Tiere zusammen halten?

Sabine Denell: Wir haben als Menschen andere Wertvorstellungen, einen “SPD-ismus”: die Schwachen muss man fördern, die Starken ignorieren. Allerdings muss ich dafür sorgen, dass auch die rangniederen Ziegen in Ruhe fressen können, denn sie sollen ja genauso leisten, wie die anderen.

– Aber die restliche Zeit werden Rangniedere ja auch verprügelt. Wie kommt die Ruhe in die Gruppe?

Ja, wenn du als Leitziege siehst, die Chefin kümmert sich immer nur um die Kleinen, dann bist du verunsichert, deine Führungsrolle ist in Frage gestellt, also musst du erneut die Kleinen prügeln, um die Rangfolge klar zu machen.

Eine Herde ausser Kontrolle

Hans-Peter Dill in Gabriele Goettles Text “Das ewige Lamm”: »Einmal haben das unsere Praktikanten einfach nicht in den Griff gekriegt. Sie haben den Ziegen zugeguckt, was die so alles machen, statt sie zu führen. Und sie wollten sich immer nur um die Schwächsten kümmern, das ist zwar christlich, damit haben sie aber den Respekt der Alpha-Tiere verloren. Und wenn das einmal passiert ist, dann haben sie keine Chance mehr, sich durchzusetzen. Ich hätte merken müssen, dass das schief läuft, aber ich war operiert, war da zum Teil weg. Die Praktikantin hat mir ein Briefchen geschrieben, in dem stand drin, das Wertvollste sei für sie gewesen, die Tiere zu beobachten. Ja, das ist was Schönes, sicher, aber nicht die Aufgabe eines Hirten und Landwirtes. Man muss sie im Griff haben, und das ist eben abhängig davon, wie stark die Persönlichkeit ist.

Bei den Ziegen ist es so, dass man schon selber ein bisschen Ziege spielen und auch mal Gewalt anwenden und sich durchsetzen muss. Ziegenherden, das sind ja immer Mutter-Clans mit ihren Töchtern, Töchtern, Töchtern … Und ein Matriarchat ist stark! Aber es ist auch so, dass man als Melker im Grunde ein Jungtier von den Ziegen ist. Die sehen einen so. Ich bin sozusagen das “ewige Lamm”.« S. 208 aus Gabriele Goettle, Das ewige Lamm – aus dem Leben eines Ziegenhirten. In: Schicht! Arbeitsreportagen für die Endzeit, Frankfurt 2007.

Sich als Leittier qualifizieren

Foto: Julia Pohlers hütete während des ökologischen Jahres auf dem Schleusenhof täglich vier Stunden bei jedem Wetter.

Julia Pohlers: Am schwierigsten war, sich auf der Heide (ein sowjetischer Truppenübungsplatz) zurecht zu finden. Merken die Ziegen, dass man unsicher ist, folgen sie einem nicht mehr. Es reicht schon, wenn du denkst, du weisst nicht wo du bist, das merken die sofort. Dann geht die Herde auseinander. Vor allem muss man sie zu gutem Futter führen, damit sie einem folgen, Du musst dich als Leittier qualifizieren!
Ich nehme mir ein Ziel in der Ferne und laufe darauf zu. Treiben, das geht nicht. Da rennt man ja nur von einer zur anderen. Ich bin die Leitziege, wer mich überholen will, dem halte ich den Stock vor die Nase.

kaempfende_paare

Eine Herde führen

Wenn vom Schleusenhof die Herde zum Hüten auf die Heide geführt wird, dann bleibt die Herde dicht hinter der Hirtin/dem Hirten und keine Ziege überholt. Normalerweise laufen die Ziegen alle in verschiedene Richtungen voraus und man stolpert über sie. Wie erzieht man eine Herde dazu?

herde_hinter_hirten.jpg

Foto Hans-Peter Dill: Früher war unser Weg zur Heide eingezäunt, ich hatte einen Stock und keine kam an mir vorbei. Inzwischen muss ich es keiner Ziege mehr beibringen, die Neuen wachsen in diese Herde hinein. Aber früher übte ich es mit ihnen: Wenn man beim Weidewechsel nur den Zaun weiter steckt, dann gibt es keinen Lerneffekt. Sie lernen, dass sie mit dir jedes Mal zu einer besseren Weide geführt werden – dir zu folgen lohnt! Wenn ich eine Gruppe von einer Koppel in eine neue Koppel führe, stecke ich einen engen Gang durch den sie mir folgen. Mit dem Stock wehre ich alle ab, die mich überholen wollen. Inzwischen reicht es, dass ich den Stock hebe.
Sabine Denell: Wenn ich beide Arme hebe, ist das für die Ziegen eine Angriffspose. Wenn ich nicht will, dass sie mich überholen, obwohl voraus etwas lockt, dann nehme ich beide Arme hoch und verlängere die noch mit zwei Stöcken.

Hans-Peter Dill: Im Dorf geht das natürlich nicht! Stell dir vor, du gehst vor der Herde und hinten bleiben zwei Ziegen hängen und fressen die Rosen vom Nachbarn und die Obstbäume….
Cristina Perincioli: Durch ein Dorf im Berner Oberland sah ich eine Ziegenherde nach Hause rennen, die schauten nicht links noch rechts. Offenbar hatte der Halter zu Hause das Getreide schon in der Krippe. Er brauchte nur zum Zaunöffnen mit seinem Moped vorbeikommen und schon rannten sie los. Auch eine Methode…

Enthornen

Man enthornt Ziegen, um schwere Verletzungen, wie aufgeschlitzte Euter u.ä. zu vermeiden. Nun hat eine Arbeitsgruppe von sieben Wissenschaftlerinnen an der veterinärmedizinischen Universität Wien untersucht, ob das Enthornen Verletzungen und Stress in der Ziegenherde wirklich verringert.

Dabei stellten sie fest, dass enthornte Ziegen aggressiver sind, sich öfter tätlich angreifen, wo die Drohgebärde einer behornten Ziege schon ausreicht und der Kampf vermieden wird. Ihr Bericht “Enthornen bei Ziegen: Keine direkte Wirkung auf sozialen Stress oder Betreuungsaufwand” ist hier auf der Site der MedVetUniVienna in der Kurzfassung zu  lesen; auch den Endbericht von 2009 kann man dort als PDF finden.

Enthornen ist – so nahe am Gehirn – ein ein riskanter Eingriff. Ein Zicklein, kaum geboren, einer Vollnarkose auszusetzen, wie in der Schweiz Pflicht, ist ebenfalls abwegig (30% der Kitze sterben an der Narkose).

Sinnvoller wäre es, Ställe so zu bauen, dass Ziegen Platz zum Ausweichen haben, also Sackgassen und Engstellen vermeiden, in denen unterlegene Tiere verprügelt werden. Erhöhten Podeste und Regal-Bretter an den Wänden bieten individuelle Rückzugsorte. Unter den Fressgittern empfehlen sich Palisadenfressgitter, die auch den Blick nach hinten ermöglichen. Nackenriegel und Diagonalfressgitter erzeugen Stress, weil Angegriffene sich daraus nicht schnell genug zurückziehen können.

Kämpfe ohne Hörner haben stumpfe Verletzungen zur Folge, die weniger sichtbar sind als geschlitzte Euter. Sie sind nicht ungefährlich, werden aber leicht übersehen. Bei Rangkämpfe mit dem unbehorntem Kopf – denn gekämpft wird ja trotzdem – fehlen die Hörnern zum Abfedern.

Möglich ist auch, die besonders aggressiven Individuen nicht weiter zu züchten: Bei der Auswahl also nicht nur auf die Milchleistung zu schauen, sondern auch auf den Stress, den sie der Herde zufügen.

In der Schweiz wird das Enthornen offenbar massiv durchgesetzt- darf aber nur unter Vollnarkose und vom Tierarzt ausgeführt werden.
Kathrin Bähler: Wir sind einer der wenigen Betriebe im Berner Oberland, die noch gehörnte braune Ziegen haben. Bis vor zwei Jahren durfte man nämlich die Pfauenziege nicht enthornen, deshalb haben wir auch den Braunen die Hörner gelassen.

Auch in Frankreich ist das Enthornen die Regel, dort machen es die Halter selbst und deshalb auch ohne Narkose. Vielen Ziegen wachsen dann verkrüppelte Hörnchen.
Emanuel Denton: Mit glühendem Eisen dauert es 10 Sekunden. Vorher schneide ich ihnen die Hornspitze ab und stecke sie in eine Kiste, damit sie sich nicht bewegen und es schneller geht, sagt Emmanuel Denton. Zehn Minuten später saugen sie schon wieder. Natürlich tun sie mir leid, aber es dauert nicht lange. Die andere Methode, die mit dem Säuremittel mag vielleicht weniger schmerzen, aber dafür lange! Sie liegen dann eine Woche in der Ecke.

 

herde_enthornt
Foto: Denton’s sauber enthornte Ziegen

Pat Coleby beschreibt ihre Praxis in Australien: Sie zieht es vor, beim Enthornen die Kitze nicht auf den Boden zu drücken, sondern deren Kopf zwischen ihren Unterschenkeln eingeklemmt fest zu halten. Mit der einen Hand hält sie dessen Kopf zur Seite und das Ohr aus dem Weg, den Daumen auf dem Hornansatz. (Anfänger können vorher die Haare darum abschneiden). Dann setzt man den Brennstab fest auf den Hornansatz für etwa 10 Sekunden; es sollte sich ein mahagony-farbener Ring auf dem Hornansatz gebildet haben. Für das andere Horn nimmt man ein zweites rotglühendes Eisen (das erste Eisen ist dann bereist zu kalt) und bearbeitet die andere Seite. Beide Seiten dauern also etwa 30 Sekunden. Das Kitz wird davon springen, als ob nichts passiert wäre. Leider wurde in verschiedenen Ländern verfügt, dass die Lämmer unter Narkose zu setzen sind. Etwa 30% der Lämmer sterben an der Narkose; Ziegenhalter, die ihren Kitzen einen so heftigen Eingriff in so frühem Alter ersparen wollen, machen sich dort strafbar.

Zuwendung

Zuwendung um zu genesen

Sabine Denell: Je grösser die Zuwendung, umso besser die Heilungschancen. Die Anthroposophen haben viele Versuche mit Homöopathika gemacht mit Placebos und im Doppel-Blind-Versuch. Die Heilungsrate mit dem Mittel war fast immer gleich wie mit dem Placebo. Was heisst, wenn man sich einem kranken Tier zuwendet, es beachtet, dann wird es nicht verunsichert und wird auch schnell wieder gesund. Verunsicherung ist Stress, das ist wie beim Menschen, dann kommt es auch zu Unfällen.

– Was ist Zuwendung und was Verhätscheln?
Hans-Peter Dill: Verhätscheln ist eine Art Missbrauch. Missbrauch ist, wenn man zu viel von seinen eigenen Problemen auf das Tier projiziert. Falsche Zuwendung kann auch krank machen. Es reicht nicht, die Tiere stundenlang zu striegeln. Es braucht auch eine natürliche Autorität, die man gewillt ist auszuüben.
Die Zuwendung ist nur dann für das Tier wertvoll, wenn sie vom Chef kommt und nicht von jemand, der sich unterordnet. Bei allen Beziehungen ist das meiste Projektion, auch unsere Tiere können wir nie ohne das sehen, was wir in ihnen sehen wollen. Die Qualität der Zuwendung nimmt zu, je weniger ich in einer Projektion gefangen bin. Das ist eine Frage der menschlichen Reife und des Trainings im Umgang mit Tieren.
Kinder können das oft besser, weil sie noch nicht so geübt sind auf andere was zu projizieren, weil sie selbst ja meist Objekt sind, also Empfangende. Nun haben die Ziegen auch Projektionen, es ist ja nicht so, dass die davon frei wären. Kindern wiederum fällt es viel leichter, diese Erwartungshaltungen der Ziegen zu empfangen und auch zu erfüllen.

Optimiert und Umgesetzt von  DREIDREIEINS Web | WordPress Agentur für Webauftritte